25.Aug. 2014

"De rerum natura" – Bericht für die Erlanger Übersetzerwerkstatt

von Klaus Binder

<p>Lukrez: De rerum natura (1473)</p>

Lukrez: De rerum natura (1473)

Alles beginnt mit einer Allegorie auf die schaffende Natur, die Gewalt der Liebe: dem Venus-Hymnus.

MUTTER DER AENEADEN,* DER MENSCHEN UND DER Götter Wonne, Venus, Spenderin des Lebens, du bist es, die unter den ruhig gleitenden Zeichen des Himmels das schiffetragende Meer, das fruchttragende Land belebt. Dir verdankt alles Belebte Empfängnis, den ersten Blick auf der Sonne Licht. Dich, sobald du nahest, Göttin, fliehen die Winde, die Wolken des Himmels, dir sendet die vielgestaltig schöpferische Erde liebliche Blumen empor, dir lacht hell die Fläche des Meeres; und der Himmel, ruhig nun, ist durchflossen von gleißendem Licht. Kaum nämlich ist die Pforte des Frühlings aufgesprungen und der Westwind befreit, da bläst frisch sein befruchtender Hauch – und zuerst unter dem Himmel künden die Vögel dich an, von deiner Kraft, Göttin, ins Herz getroffen. Dann toben Wild und Vieh über wuchernde Weiden, schwimmen durch schwellende Ströme: Alle folgen sie dir, von deinem Zauber gefangen, begierig folgen sie dir, willig, wohin du sie führst. Ob in Meeren und Bergen, in fließenden Strömen, im von Vögeln belebten Dickicht, auf grünenden Fluren – wo immer sie leben, allen Kreaturen treibst Du verführende Liebe ins Herz, senkst in sie den leidenschaftlichen Trieb, nach ihrer Art sich zu mehren. (1.1ff)

Und De rerum natura endet mit dem Bericht über die Pest in Athen, die dies Gemeinwesen ins Mark getroffen hat. Nicht als Götterstrafe, es war eine Seuche. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Angst ist es, die den sozialen Zusammenbruch bewirkt:

Nichts aber war beklagenswerter an diesem Unheil, nichts erschütternder als die Menschen, die sich, sobald sie sahen, wie die Seuche sie ergriffen hatte, tatsächlich verhielten, als seien sie zum Sterben verdammt: Aller Mut schwand ihnen; verzagt legten sie sich nieder, dachten nurmehr ans Ende, gaben ihr Leben verloren und verloren es auch, dort wo sie zu Boden sanken. Nicht einen Augenblick ließ die Ansteckung der raubgierigen Seuche nach, ein Opfer forderte sie nach dem anderen – so wie Seuchen wüten in wolligen Herden und unter gehörntem Vieh. Ebendas, und mehr als alles andere, sorgte dafür, dass Tote sich auf Tote häuften. Und alle, die es aus Furcht versäumten, ihre vom Übel getroffenen Verwandten zu besuchen, wurden für ihre übergroße Lebensgier, für ihre Furcht vor dem Tod kurz darauf selbst mit einem jammervoll erbärmlichen Ende bestraft, allein starben auch sie und ohne jegliche Hilfe. Jene anderen aber, die blieben, um die Kranken zu pflegen, erlagen der Ansteckung und den Plagen, die sie aus einem Gefühl der Scham auf sich nahmen oder wegen der rührenden Bitten der Todkranken, ihrem Jammer. So traf gerade die Edelsten alle der Tod. (6.1230ff)

Das ist die Spannung, in der Leben wird und vergeht. In dieser gewaltigen Spannung entfaltet sich De rerum natura. Darum Lukrez’ Mahnung an Memmius, den er sich zum Leser erkor, sie gilt auch uns, insofern Angst ein prägendes Motiv des „Projekts NaturBeherrschung“ ist; unseres Aberglaubens, der, wie sich zeigen lässt, auch zur Trennung von „Wissenschaft“ und „Poesie“ geführt hat:

Du aber, Memmius,* löse dich … von allen Ängsten, ein offenes Ohr leihe mir … Höre, was ich dir um deinetwillen getreu ausgebreitet habe; sieh, dass du diese Gaben nicht, bevor sie verstanden, unbeachtet verwirfst. Denn nun will ich darlegen, nach welchem Gesetz der hohe Himmel bewegt wird, was das Wesen der Götter ausmacht, will die Urelemente* nennen, aus denen die Natur alle Dinge ständig hervorbringt, vermehrt und ernährt, und worein sie das Geschaffene, wenn es vergeht, auch wieder auflöst. ...

Schmachvoll, so konnten es alle sehen, lag das Leben, lagen die Menschen im Staub, niedergedrückt unter der Last des Aberglaubens,* der aus erhaben himmlischen Regionen das Haupt herabreckt und mit schreckender Fratze den Sterblichen droht. Gegen sie den sterblichen Blick zu erheben, erstmals dagegen aufzustehn, hat ein Grieche* gewagt. Nichts konnte ihn schrecken, nicht, was erzählt wurde über die Götter, Blitze nicht* und kein vom Himmel grollendes Getöse; … Es obsiegte die feurige Kraft seines Denkens, und er machte sich auf, drang weit mit seinen Gedanken, … durchzog mit seinem Denken und Empfinden das ohne Maß weite Universum und kam von dieser Ausfahrt siegreich zurück: Er konnte uns sagen, was werden kann, was nicht …  So hat sich die Lage verkehrt: Niedergetreten, am Boden liegt der Aberglaube, völlig besiegt; uns aber hebt dieser Sieg zu den Himmeln. (1.50ff)

1

Alle Religionen, auch die zu Lukrez’ Zeiten, suchen die Welt zu überwinden. Menschen kommen mit der Unordnung der Welt nicht zurecht, fürchten sie. Darum fixieren wir uns auf eine göttliche oder sonstwie ideale Ordnung, säkularisiert: auf wissenschaftliches Wenn-Dann, auf Wiederholbarkeit, Logik. Darum phantasieren wir uns einen Geist, Verstand, Vernunft, die der Natur die Gesetze vorschreiben (Descartes, Kant). Richten uns gewaltsam gegen diese Welt, gegen das Leben in ihr, suchen ein Leben jenseits der Unordnung dieser Welt. Und wer an das wie immer ausgemalte Jenseits nicht glaubt, muss (im Doppelsinn dieser Wendung) „dran glauben“.

Dem tritt Lukrez’ Materialismus entgegen; dafür preist er seinen Meister Epikur, dessen Lehre er den Römern nahebringen will. Eine Botschaft, die auch wir hören können: nach 2000 Jahren Schaden nicht wirklich klüger geworden.

Nur eines dürfen wir nicht: dieses gewaltig schöne Gedicht ins Reich der Poesie sperren. Verharmlosen. Die Welt wie sie ist, ist widersprüchlich, voller Leid und Elend und Tod (nicht für uns gemacht, wie Lukrez zeigt). Das müssen wir aushalten. Basta. Eine schlechte Nachricht?

Sehen wir zu: Was macht die „Natur der Dinge“ aus? Alles, was ist, ist aus Atomen zusammengesetzt, aus unsichtbaren, ungewordenen, unzerstörbaren Körpern, die unablässig in Bewegung sind.

Also gehört zu allem, was ist, auch Leere, körperlos leerer, grenzenloser Raum, in dem die Atome sich bewegen. Leere auch in jedem Ding, zu dem die Atome sich zusammensetzen. Wie anders sonst könnte schall durch dicke Mauern dringen, Wasser in Felsenhöhlen, Wärme in den Kochtopf?

Unablässig bewegte Atome und Leere, mehr nicht – das soll alles sein? – Kennen wir das nicht? Atomphysik und so weiter?

Ich kann Ihnen versichern: So, wie bei Lukrez, haben Sie eine „Welt aus Atomen“ noch nie gesehen! Etwa hier, es geht um die Bewegung der Atome:

Sieh nur genau hin, wenn die Sonne in einen dunklen Raum zu dringen vermag und ihr Licht in einzelnen Strahlen durch diesen sendet: Viele winzige Stäubchen wirst du sehen, wie sie sich im leeren, vom Licht hellen Raum auf vielerlei Weise mischen: als lägen sie in endlosem Streit, kämpften miteinander, pausenlos, in immer neuen Verbänden, angetrieben zu immer neuer Verknüpfung und wieder Trennung. Dies mag dir eine Vorstellung davon geben, wie es sich verhält mit den Urelementen, die im leeren Raum in unaufhörlicher Bewegung begriffen sind. So kann dir alltäglich Kleines großes Geschehen vorstellbar machen, dich zu erstem Begreifen führen (2.114ff)

Ein Begreifen, in dem die sinnliche Erfahrung, der sinnliche Anstoß, erhalten bleibt. Jedes Erkennen, heißt es bei Lukrez mehrfach, jedes Erkennen ist „Berühren und Berührt-Werden“. Ist Bewegung von Atomen und Atomverbindungen. Stoß und Gegenstoß. Atome reagieren auf Atome. Jedes Erkennen geht aus von sinnlicher Wahrnehmung, ist ein Prozess, der die Grenzen der Natur nicht sprengt, sondern „Stoffwechsel“, in den der Beobachtende mit seinen Sinnen einbezogen ist.

Insofern ist der Tanz der Sonnenstäubchen auch mehr als Illustration, keine poetische Metapher, sondern etwas völlig anderes als die ernüchternde Nebelkammer der Atomphysiker. Hinter dem Reichtum der sinnlich erscheinenden Welt, so sagen sie uns, verberge sich „nichts als“ Bewegung der Atome.

Wir finden dieses „nichts als“, den szientistischen Reduktionismus, enttäuschend. Sobald wir aber beharren auf unserer Enttäuschung, rufen uns neuzeitliche Wissenschaftler zur Ordnung, ihre Grenzpolizisten, die Wissenschaftstheoretiker, fragen:

Was hilft uns das Staunen über einen Sonnenuntergang, wenn wir zum Mond fliegen wollen? Das „Wissen“ verweist auf seine Erfolge: Fliegen wir nicht zum Mond, schauen wir den Leuten nicht ins Gehirn, sind nicht die Bausteine des molekularen Lebens identifiziert, warten sie nicht darauf, dass wir sie neu zusammenzusetzen? Auf das natur- und weltbeherrschende Denken ist Verlass. Und dem haben die Sinne sich zu beugen. Nur im Zügel des Verstandes, versehen mit dessen Apparaturen, gegenständlich geworden im naturwissenschaftlichen Experiment, nur so glauben wir, Kinder der abendländischen Moderne, Welt „wirklich“ sehen zu können. (Lukrez lesen, S. 19)

Das, Szientismus, ist unser Aberglaube, unsere religio. Das, was uns bindet. Die nüchterne Wahrheit der Nebelkammer. Können wir das abschütteln, lesend loslassen? De rerum natura kann, soll dazu verführen, Lukrez wollte genau das.

Wir finden bei ihm eine vollständige Kosmogonie, sehen die Welt entstehen, vom Zusammenstoß einzelner Atome bis zum Werden unserer Erde/Welt, der vielen Welten im Universum; sehen Naturereignisse, sehen Wind, Donner und Blitz entstehen, Frühling werden und Herbst, sehen, wie Leben, Lebewesen werden, wie deren Fühlen und Denken und Wollen; sehen, wie die Menschen lernen, Feuer zu machen und Werkzeuge, wie sie Sprechen lernen, insofern auch, wie Kultur und Gesellschaft entstehen, wie Literatur, Kunst und Religion.

Wunderbare Schilderungen und Erklärungen sind das, genau beobachtet, hochpoetisch: Das eigentliche Erlebnis jedoch auf dieser Reise in Mikro- und Makrokosmos ist, dass Lukrez uns all das – Werden, Sich-Erhalten, Vergehen aller Dinge – plausibel vorführen kann, ohne Zuflucht zu nehmen zu Göttern, zu übersinnlichen Kräften, zu Weltentstehungs- und Heilsplänen… Und, mindestens so wichtig, ohne uns, den Menschen, ohne unserem Erkennen eine Sonderstellung in der Natur einräumen zu müssen.

Kurz: Alles, was entsteht und wirklich ist, wird und ist allein durch die Eigen-Bewegung der Atome.

Seit unvordenklicher Zeit im All vielmehr waren die endlos vielen auf vielerlei Weise Stößen und Schlägen ausgesetzt,* haben auf diese Weise alle Arten von Bewegung und Verbindung erprobt. Und so zuletzt gelangten sie in eine Aufstellung, aus der sich dies Ganze der Dinge ergab: unsere Welt. Sie nun blieb, sobald sie in die richtigen Bewegungen geraten war, über lange Jahreszyklen hinweg erhalten. (1.1024ff.)

Nichts aber könnte entstehen, würden die Atome nicht zusammenstoßen, sich verbinden. Und das heißt: Nichts würde entstehen ohne den Zufall, ohne clinamen, eine kleine zufällige Abweichung der Atome von ihrer ewigen, gradlinigen Bewegung:

… nun mache dir Folgendes klar: Die Urelemente werden von der ihnen eigenen Schwere in gerader Linie durchs Leere nach unten bewegt, und doch: Zu völlig unvorhersehbarer Zeit, an ebenso unvorhersehbaren Orten weichen sie um ein Weniges* ab von ihrer geraden Bahn …  Läge diese Abweichung nicht in ihrer Natur und wäre sie ihnen nicht möglich, alles würde, wie Regentropfen, unausweichlich durchs bodenlos Leere nach unten fallen: Niemals käme es dann zum Zusammenprall von Urelementen, kein Stoß würde bewirkt – und nichts hätte die Natur je hervorgebracht. (2.216ff)

Ein Taschenspielertrick, um den Atomismus zu retten, wie Cicero behauptet hat, wie bisher immer aufs Neue wiederholt wird? Nein, denn clinamen, die unmerkliche Bewegungsänderung, Richtungsänderung kommt nicht von außen, sie liegt in der Natur der Atome selbst, ist deren Bewegung, deren Kraft, ist schöpferische Natur. Natur, so zeigt uns Lukrez’ dynamischer Materialismus, ist weder Maschine noch Automat. Denn:

Wären alle Bewegungen fest miteinander verbunden, dann entstünde neue Bewegung allein aus einer alten heraus, allein in vorbestimmter Folge. Darum: Gäbe es keinerlei Abweichung der Urelemente, die durch neu gerichtete Bewegung das Gesetz des vorbestimmten Schicksals sprengt, dann wäre seit unendlicher Zeit in endloser Kette Ursache auf Ursache gefolgt.* Woher aber, frage ich, hätten dann lebende Wesen überall auf der Erde den freien Willen? Woher die Kraft, sich dem Schicksal zu entreißen, dorthin die Schritte zu lenken, wohin die Lust einen jeden von uns führt?* (2.251ff)

Damit haben wir das Allerverblüffendste in dieser rein materialistischen Lehre: Sie bestätigt die Freiheit des Willens, das Streben nach Lust. Im Tanz der Atome ist Spielraum, liegt die Möglichkeit glücklich zu leben: frei von Schmerzen und Angst. Doch Vorsicht: das ist angelegt, aber nicht garantiert.

Dass der Geist in all seinem Tun keine innere Notwendigkeit verspürt, dass er ebensowenig, als sei er etwas Gefangenes, verdammt ist, alles hinzunehmen und zu ertragen, das bewirkt clinamen,* allein die kleine Abweichung der Urelemente vom lotrechten Fall, die weder bestimmt ist in Ort und Richtung noch nach der Zeit, in der sie erfolgt. (2.289ff)

Glück in einer Welt, die nicht für uns eingerichtet ist, in der Atome willkürlich tanzen, ohne Sinn und Zweck? In der es Krankheiten gibt, die Pest, den Tod; in einer Welt, die endlich ist und irgendwann sich auflösen, vergehen wird in die sie bildenden Atome (und nicht zu Nichts!), wie Lukrez uns wieder und wieder vorführt?

Wenn wir uns aber klarmachen, dass auch das unkörperlich Leere zu dieser Welt aus Atomen gehört; dass nichts, kein Ding, zu Nichts vergeht, so wie nichts, kein Ding, aus Nichts entsteht; dass die Bewegung der Atome, so wie sie für Verbindung, schließlich Leben, Fühlen, Denken sorgt, so auch zur Trennung des Verbundenen führt, zur Trennung von Leib und Seele und deren Auflösung wieder in Atome, zum Tod – dann haben wir Grund zu sagen: „Der Tod aber geht uns nichts an.“ Einer der gewaltigsten Sätze in De rerum natura: Der Tod geht uns nichts an, das Leben schon.

Stets wird ein Ding aus anderen entstehen, keines besitzt Leben zum Eigentum, auf Zeit nur ist alles zu nutzen gewährt. (3.970)

Eine Mahnung. Aber eine, die nicht von der Kanzel herab ergeht, sondern aus dem, was wir sehen, erkennen können. Das Leben gehört uns nicht, aber wir können, in den Grenzen seiner Natur, etwas daraus machen. Wir, als Sinnenwesen, leben in der Natur und so erst von dieser. Das wir dies wieder sehen lernen,

das ist Ziel dieser fulminanten Reise in Natur und Welt. Lukrez’ Ausflüge in Himmel und Erde, in Naturgeschichte, Menschengeschichte, Gesellschaftstreiben, das, wozu sein Text uns bis heute einlädt, ist dabei alles andere als kontemplativ: Er unternimmt diese Reise in praktischer, ja therapeutischer Absicht. Denn wer erkannt hat, dass alles in Natur und Welt aus sich heraus geschieht, der braucht keine Götter mehr, muss ihren Ratschluss nicht fürchten, braucht keine Religion; der sieht zuletzt, dass auch die Todesfurcht gegenstandslos ist: Es droht kein Leben nach dem Tod. Das ist die gute Nachricht. (Lukrez lesen, S.24)

2

De rerum natura ist ein Text, der konsequent zusammenhält, was für uns getrennt ist: die Frage nach dem Leben mit der nach dem guten Leben. Insofern steht dieser Text auf der Schwelle, auf der Schwelle zwischen einer Zeit, in der Naturerkenntnis und Moral noch verbunden sind, und einer späteren, in der beide auseinandertraten (mit Platon und Aristoteles bereits zu Lukrez’ Zeiten, mit Descartes, Kant und den Folgen für uns). Entsprechend auseinandergetreten sind für uns Leib und Seele, Sinne, Fühlen und Wollen und das Denken. Darum, mit unbeirrt aufmerksamem Blick auf das Ganze, das Natur von sich aus ist, will Lukrez seine Zeitgenossen von Götterfurcht und Todesangst befreien. Das macht diesen Text hochaktuell.

Lukrez mit seinem sensualistischen Materialismus wurde aus dem Mainstream der abendländischen Philosophie ausgebürgert und ist zum Wegelagerer geworden. Plötzlich bricht er aus den Büschen, und wir stehen direkt vor diesen Versen. Die Distanz ist weg. Wir sehen die Welt mit anderen Augen. Und sehen, indem wir das Andere sehen, auch unsere Welt neu.

De rerum natura: Das – für uns – Andere. Überraschend. Fremd. Unglaublich schön. Verstörend zugleich, alles umwerfend.

Eben das hat dies Gedicht zu einem verfemten Text gemacht. Die Rezeptionsgeschichte, zu der auch über 600 Jahre völligen Totschweigens gehören, ist eine Geschichte der Macht, die zum eigenen Erhalt, im Interesse der jeweils Mächtigen, unsere Ängste gegen uns ausspielt. Die Natur mit Beherrschungsphantasien, Leben, Sinne, Lust mit Moral bekämpft. Welche Gefährdungen seinem befreienden Projekt drohen, hat Lukrez gesehen. Er schreibt:

Dies aber, Memmius, fürchte ich nun: Du könntest womöglich glauben, mit solch gottlosem Denken frevelnden Pfad zu betreten. Dabei hat oft schon gerade heiliger Aberglaube zu verruchten, unheiligen Taten geführt. Wie haben doch in Aulis die Danaerfürsten, die Ersten der Männer, den Altar der Diana schimpflich geschändet mit Iphianassias Blut.* Sie spürte, wie das ihr um die jungfräulichen Locken gelegte Band* beidseits der Wangen in gleicher Länge sich herunterringelte, sah zugleich vor dem Altar gramgebeugt den Vater stehen, sah neben ihm die Hüter des Altars, die suchten, das Messer zu verbergen, sah Tränen vergießen das Volk bei ihrem Erscheinen – da brach schreckensstumm sie in die Knie. … von Männerhänden gepackt, wurde sie dem Altar zugeführt, bebend vor Furcht. Nicht, um nach festlichem Opfer unter hell klingendem Hochzeitshymnus geleitet zu werden, nein, in ihrer Brautzeit sollte sie hingeschlachtet werden, die Unschuldige in schuldvollem Verbrechen, ein Opfer des besorgten Vaters* – | 100 | nur um einer Flotte günstige und glückliche Ausfahrt zu wirken. Zu derart Bösem konnte Aberglaube raten.* (1.80ff.)

3

Diesen Text wieder einzubürgern in unser Sinnen und Denken, kann nur mit einem Husarenstreich gelingen. Ich bin kein Altphilologe, sondern Übersetzer, Lektor; habe zeitweilig auch als PR-Arbeiter/Texter die Welt von Werbern, Projektemachern, Bankern und Baulöwen von innen kennengelernt, dort auch gelernt, mich mit schlagkräftigen Sätzen durchzusetzen und zugleich Distanz zu halten. Habe zuvor Philosophie studiert, bin geprägt vom Denken der Frankfurter Schule, habe das Studium noch bei Adorno begonnen, promoviert bei Alfred Schmidt. – Mit diesen Erfahrungen hatte ich nicht die schlechtesten Karten, um heutigen Lesern De rerum natura neu vor Augen zu führen – als, ich sag’s pathetisch, Hohelied des sensualistischen Materialismus.

Wie kam ich auf dieses ungewöhnliche Projekt? Die lange Vorgeschichte ist bereits angedeutet. Es gibt noch eine kurze: 2011 habe ich Stephen Greenblatts The Swerve übersetzt, das 2012 als Die Wende. Wie die Renaissance begann bei Siedler erschienen ist.

Eine abenteuerliche Geschichte, die Wiederentdeckung von De rerum natura durch den Bücherjäger Poggio Bracciolini, damals, im Jahr 1417, apostolischer Sekretär außer Dienst. Als sein Dienstherr, Papst Johannes XXIII., abgesetzt wurde, musste auch sein Sekretär untertauchen; tat, was er vorher schon getan hatte, vergrub sich Klosterbibliotheken, um antike Texte auszugraben, stieß, wo wissen wir nicht genau, es kann in Fulda gewesen sein, auf De rerum natura. Und Poggio, der florentiner Humanist und Kenner antiker Literatur, wusste, welcher Schatz ihm damit in die Hände gefallen war. Poggio ließ den Text abschreiben, schickte die Kopie nach Florenz: Das rund 600jährige Schweigen um De rerum natura war gebrochen. Nun schlug der verfemte Text immer höhere Wellen: Greenblatt schildert das so spannend wie instruktiv.

Lässt sich diese Geschichte verdeutlichen, zu unserer Geschichte machen? Beim Übersetzen von Greenblatts Buch musste ich Zitate suchen. Fand die gängigen deutschen Übersetzungen: Karl Ludwig von Knebel (2. Aufl., 1831), Hermann Diels (Von der Natur, 1923-24), Karl Büchner (Welt aus Atomen, 1956), Dietrich Ebener (Vom Wesen des Weltalls, 1989), Joseph Martin (Über die Natur der Dinge, 1972), die einzige Prosa-Übersetzung.

Rasch wurde mir klar: Mit keiner dieser Übersetzungen lässt sich die Geschichte dieses Texts überzeugend erzählen. Warum ist das so? Die Gründe wurden im Verlauf meiner Arbeit immer deutlicher. Ich fasse zusammen, wie ich es in meinem Kommentar formuliert habe:

Bei Diels hatte ich, bei aller Hochachtung, oft den Eindruck, dass er beim Übersetzen der Sprache, den (Denk)Formen des 19. Jahrhunderts sehr verhaftet bleibt und dass er im Zweifelsfall den Zwängen des deutschen Hexameters nachgegeben hat; Martin ist ihm, obwohl seine Prosafassung diese Zwänge ja aufheben sollte, sprachlich oft gefolgt. Wo Lukrez sehr genau beobachtet, scharf argumentiert, halten sich Diels und Martin häufig an den „Dichter“ und werden, mit Verlaub, recht blumig, mit der Folge, dass nicht nur einzelne Gedankengänge und Argumentationswege, sondern auch Lukrez’ präzise, ihrem Zweck folgende Gedankenarchitektur verschwimmen. – Ein Ringen, das in der schönen Form erstarrt. Die Lösungen, die Ebener gefunden hat, kamen meinen Intentionen näher. Aber auch er, der den Ton des 19. Jahrhunderts überwunden hat, vergibt den so gewonnenen Vorstellungsraum und manches Argument, weil er sich den Regeln des Hexameters fügt; merkwürdigerweise treten dessen Zwänge sogar deutlicher hervor, offenbar fehlt dem Versmaß ohne die aus der Klassik herüberwehende Anmutung eine wesentliche Stütze. Und was mir durchgängig zu fehlen scheint, ist die Schärfe des Lukrezschen Denkens, alles wirkt viel zu harmlos. (S. 249)

Nun mögen Sie einwenden, das bewege sich auf der Ebene von Geschmacksurteilen. Also gebe ich noch einige, ins Geschichtsphilosophische gehende Überlegungen zu bedenken; Überlegungen, die schon hinter der Art steckten, in denen ich Ihnen De rerum natura vorgestellt habe:

Wir könnten es uns leicht machen, könnten aus den 2000 Jahren, die zwischen Lukrez und uns liegen, einen Abwehrschirm fabrizieren, uns amüsieren darüber, was der alles noch nicht weiß, wie er um die Ecke denkt, in vielem schön und erhaben, gewiss, aber irgendwie auch kurios, oder? Und könnten uns derart gestärkt selbst auf die Schulter klopfen, aus De rerum natura ein Märchen aus uralter Zeit machen oder ein Gedicht, feierlich fernen Gesang, so überaus begeisternd zu hören.

Die meisten Kommentare, die ich gelesen habe, können sich dieser Tendenz zur Entrückung im Grunde nicht entziehen, auch bisherige Übersetzungen sind nicht frei davon. Sie ergibt sich aus einem gewissen Historismus ihrer Autoren: aus der ziemlich unbeirrt verfolgten Frage, was Lukrez denn „eigentlich“ hat sagen wollen (einer Frage, der die „Textkritik“ dienstbar gemacht wird). Was hat dieser Mann, der rätselhaft aus dem Dunkel der Geschichte tritt, bedenkt man seine Zeit, überhaupt wissen können? Und, erstaunlich, was hat er nicht alles gewusst! Und so lässt sich, verwundert und durchaus gönnerhaft, feststellen, wie „modern“ er doch in vielem gewesen sei. Unter der Hand wird dieser Geist aus fremder Zeit zum „Vorläufer“. Und wenn Lukrez gerade dahin nicht wollte? Nicht dahin, wo wir uns ihm gegenüber so sicher wähnen, mit allen Wassern der Wissenschaft gewaschen?

Von Anfang an wollte ich – bestärkt durch die von Greenblatt verwendete englische Prosaübersetzung von Martin Ferguson Smith – De rerum natura in deutsche Prosa übertragen. Das war natürlich zunächst dem Umstand geschuldet, dass ich kein Philologe bin, mich auch keinesfalls auf fachphilologische Debatten einlassen wollte; auch Lyriker bin ich nicht, in Versmaßen schreibend nicht zuhause. Aber ich bin Leser, für Sprachformen durchaus empfänglich; will sagen, ich sehe nicht nur ihre Schönheiten, Baugesetze, im Zweifelsfall auch ihre Grenzen. Und nicht nur die:

Antike Texte sind kein unverlierbarer Schatz, der sich irgendwann, durch die dann „richtige“ Übersetzung, heben ließe. Die Gefahr, die ihnen droht, liegt im Vergessen, im Verschwinden dessen, was sie für ihre Zeit wollten und was in dieser vergeblich blieb. Übergeht man das oder glaubt, es im überhistorisch „Wahren, Schönen, Guten“ (oder auch nur im „Sprachgeist“ des frühklassischen Latein) exhumieren zu können, dann wird (zum Beispiel) der Hexameter zu so etwas wie dem Glanz des versunkenen Schatzes lateinischer Sprachkunst. Man lese Lukrez nach Knebel, Diels, Büchner, auch Ebener, dessen Übersetzung sich noch am ehesten um „unsere Sprache“ bemüht. Doch auch er rundet, des sechshebigen Sprachflusses wegen (und sicher auch in seinem Bestreben, uns den Text verständlich zu machen), das, was bei Lukrez kantig und im präzisen Sinn seines „Erkenntnisinteresses“ schön ist. Wenn Ebener und seine Vorläufer beim Übersetzen „verhandelt“ haben, dann mit vermindertem Spielraum: des Hexameters willen. Diesen Spielraum glaubten sie dreingeben zu können, wahrscheinlich, weil sie den zu hebenden Schatz für unverlierbar hielten. Das ist zu bezweifeln. Denn sie hatten ihn schon verloren, indem sie glaubten, sie sollten diesen Text in den Mainstream des abendländischen Denkens einordnen und dies sei ohne Verlust möglich.

Beim Eindringen in diesen Text wurde mir klar: Lukrez hat, damals, um 55 v.u.Z. – das Ende der Römischen Republik zog herauf, es tobte Bürgerkrieg – einen engagierten Text geschrieben. Das sagt er dort, wo er seinen Leser Memmius, seine Zeitgenossen direkt anspricht, aufrüttelt; das prägt aber auch seine drängende, verknappte Sprache, die Wechsel von Tempo und Perspektive, von Vorantreiben und Retardieren, von unbeirrt ihr Ziel ansteuernden Argumentkaskaden und, immer wieder, auch längeren Abschweifungen – und all das geschieht in der für ihn (seine Zeit) neuen, experimentellen Form des lateinischen Hexameters: Er war ihm Mittel, nicht Selbstzweck.

Sein Engagement galt nicht ewigen Werten, sondern der prekären Situation seiner Zeitgenossen: Er wollte, dass sie sich aus ihrer Bindung an ein zum Aberglauben verdinglichtes Weltbild (religio) befreien. Darin – in dieser unabgegoltenen Intention – können wir uns wiedererkennen. Und nur wenn und nur weil wir uns in dieser Intention gemeint fühlen, können wir Lukrez’ Text lesen und dem Vergessen entreißen, was er wollte. … – Walter Benjamin hat, was dazu über Texttreue hinaus erfordert ist, „Geistesgegenwart“ genannt. (Lukrez lesen, S. 35)

Geistesgegenwart: damit sind wir wieder beim Husaren gelandet. Vielleicht auch bei einem gewissen Freibeutertum. Wir müssen der Überlieferung abtrotzen, was in ihrem Mainstream verschüttet ist. Dennoch:

Ohne die seit Langem unter Philologen geführte Debatte zu Textüberlieferung und Lesarten hätte ich meine Übertragung niemals zustande gebracht. Ebensowenig ohne die vorauslaufenden Übersetzungen. Die ungeheure Arbeit, die darin akkumuliert ist, ihre Standpunkte, Ergebnisse, Fragen und ungelösten Probleme kann ich aufnehmen. … Ich kann den Korpus der Lukrez-Philologie nur als „gegeben“ voraussetzen; mich in diese Debatten einzumischen, lag nicht in meinem Interesse. Zuletzt aber sind alle philologischen Mühen immer auch nur Interpretationen: Versuche, Lukrez zu verstehen. (S. 28)

Insofern: Die Neuübertragung ist ein Experiment – wie schon Lukrez’ Text ein Experiment war und ist.

Ich wollte mich diesem Wegelagerer – diesem zwischen den Zeiten und Kulturen vagabundierenden Text –  stellen: wegen der Fragen, die ich mitgebracht habe aus unserer Zeit und die gerade dann virulent werden, wenn plötzlich Wegezoll gefordert wird und wir unsere Habe mustern müssen. Zweifel meldet sich, darin die Ahnung, dass etwas nicht stimmt … Das bewirken der Schock des Überfalls, die Reibungen am Fremden und scheinbar Verqueren. (S. 27)

Schock und Reibung sollten erhalten bleiben. Im deutschen Text, in den Kommentaren. Lukrez trifft alle Vorsichtsmaßnahmen, dass ihn seine Gedankenbewegung, der Weg vom Sichtbaren zum Unsichtbar-Kleinen und zum Unsichtbar-Großen, nicht aus dieser Welt herauskatapultiert. Diese Insistenz wollte ich nachzeichnen, durch Übertragung in unsere Sprache, mit meinen Kommentaren. Letztere sind darum umfangreicher geraten, als bei solchen Gelegenheiten üblich.

Man könnte mich fragen, ob ich nicht besser einen konsistenten Essay geschrieben hätte. Meine Antwort: Ich will am Text, im Lesefluss bleiben, dem langsamen Prozess treu, in dem sich dieser fremde Möglichkeitsraum öffnet; habe darum auch kommentierend Neuansätze, Wiederholungen, Denkschleifen in Kauf genommen.

Nur mit dieser Mimesis an Verfahren und Verlauf von De rerum natura kann ich Leser an meinem Übertragungsprozess teilhaben lassen, sie ihrerseits zum fragenden Lesen anregen.

Dieser Text, sagte ich, steht „auf der Schwelle“. Was damit gemeint ist, möchte ich mit Walter Benjamin sagen, mit seinen Überlegungen zum Lesen-Lernen und Lesen-Gelernt-Haben, zu zwei Zuständen, zwischen denen Welten liegen; ein Weg, der unumkehrbar ist:

Aber es war der Ernst des Lebens, der aus ihnen [den Lesefibeln] sprach, und der Finger, der ihre Zeilen entlangfuhr, hatte die Schwelle eines Reichs überschritten, aus des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt: er war im Bannkreis des Schwarzweißen, von Recht und Gesetz, des Unumstößlichen, des für die Ewigkeit gesetzten Wissens. Wir wissen heute, was wir von dergleichen zu halten haben. (Benjamin, „Grünende Anfangsgründe. Noch etwas zu den Spielfibeln“, 1931)

Das „Zuvor“ ist versunken, vom „Danach“ überlagert, in ihm fixiert. Aber es gibt ein Zuvor, wir spüren es in unserem Unbehagen am Jetzt. Winken wir nicht ab, lassen uns vielmehr beunruhigen, dann gewinnen wir einen Ausgangspunkt, der nicht linear zurückführt, sondern hinab in den Untergrund, ins Unbewusste des Jetzt, des fixierten Schwarzweiß. Ohne diese quasi seismische Sensibilität für historische Verwerfungen, Verkrustungen, ohne diese Offenheit, lässt sich ein Text wie De rerum natura nicht lesen.

Sie sollten es ausprobieren, am deutlichsten wird es an den Stellen, an denen Lukrez uns ins Grenzgebiet von sinnlicher Wahrnehmung und dem führt, was wir als „geistige“ Prozesse zu begreifen gelernt haben – uns damit zu dem Punkt führt, an dem uns greifbar wird, dass doch kein prinzipieller, kein ontologischer Unterschied besteht zwischen Seele und Leib, zwischen Geist und Natur, auch keiner zwischen Innen und Außen. Wahrnehmen (und auch Denken) ist wechselseitiges Berühren, Stoffwechsel der Natur, der uns in und mit unseren, unserem Sinnen gegenwärtig werden kann.

Denn Berühren, da seien mir die heiligen Götter Zeuge,* ja Berühren weckt die Sinne des Leibes,* ob nun etwas von außen den Weg in dessen Inneres findet oder ob etwas, im Inneren erregt, dort auch wirkt, dem Leib Schmerzen bereitet, ein andermal Lust verschafft, etwa wenn lockend und fruchtbar Venus am Werk ist. So können, infolge ihres Zusammenpralls im Leib, die Urelemente dort in Aufruhr geraten und unsere Sinne aufstören. Das kannst du selbst überprüfen: Nimm deine Hand und streiche schweifend über verschiedene Stellen deines Leibes. (2.434ff)

Berühren und Berührt-werden, darum geht es: „Ja, Berühren weckt die Sinne des Leibes“ (2.434). So geraten wir selbst auf diese Schwelle: Wenn wir den uns fremden Bewegungen dieses Textes folgen, den Bildern und Bildketten, seinen Abschweifungen und Assoziationen, den Beweisen aus Analogien. Nur eine Regel stellt Lukrez (mit Epikur) dafür auf: Es darf, was wir denken und uns vorstellen, dem nicht widersprechen, was uns die Sinne melden. Das klingt wie „Empirismus“, ist es aber nicht; im Gegenteil: Lukrez verteidigt mit seiner Regel einen Punkt, den der Empirismus zunehmend verloren hat: den Punkt, an dem wir, mit unseren Sinnen und ihren Bewegungen an den Bewegungen der Natur teilhaben. Und er zeigt uns den Zugang zur Welt, der durch die Dichotomien, die unser Denken prägen und beherrschen, blockiert ist. Öffnet einen Raum möglicher Erfahrungsbewegungen, denn, mit Lukrez: „Die Dinge sind es, die einander beleuchten.“ (1.114) (S. 21)

Auch das ein Satz, der uns fremd wurde. Wenn sich heutige Theorien – worauf uns Richard Rorty aufmerksam gemacht hat – als „Spiegel der Natur“ begreifen, machen sie das wahrnehmende Subjekt, dessen Sinne zu passiven Beobachtern. Sie werden als Fehlerquelle betrachtet; sofern sie sich einmischen, sei ihnen mit Misstrauen zu begegnen. Aber die Sinne mischen mit; wir, als leiblich-sinnliche Wesen, sind Teil des umfassenden Stoffwechsels. Und nur, sofern wir – mit unserem Sinnen, unserem Denken, unserem Wollen – aktiv sind, sind wir in der Welt, lebendig, sind Berührende und Berührte. Jede der ungezählten Beobachtungen, mit denen uns Lukrez in De rerum natura konfrontiert, über die wir, lesend, stolpern, denen wir uns öffnen müssen, jede ist eine solche Schwelle.

Das prägt Lukrez’ Sprache. Wo er von Gefühlen, Empfindungen, Wahrnehmen, Sinnen spricht, in einer äußerst genauen, darum auch äußerst reichen, semantisch wie syntaktisch bewegungsreichen Sprache, da erinnert er uns daran, dass wir nicht passive „Spiegel“ sind, sondern Bewegte in Welt und Natur. Und, nochmals, all das beruht zuletzt auf der Bewegung der Atome.

Lukrez spricht nicht metaphorisch, wenn er springt zwischen Innenwelt (unserem Fühlen und Denken) und Außenwelt (dem Geschehen in der Natur), das eine mit dem anderen beleuchtet. Nein, er beschreibt unser Fühlen, unser Sinnen und Denken in ihrer Natur. Diese Natur ist uns fremd geworden, gleichwohl meldet sie sich.

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Dies – gefühlte Fremde, könnte man sagen – ist Einstiegspunkt nicht nur fürs Lesen, auch fürs Übertragen. Die Aufmerksamkeit darauf stand im Zentrum meiner Arbeit. Darum nenne ich, was ich tue, ungern „Übersetzen“, spreche lieber vom Übertragen. Denn:

Der Übersetzer ist kein Fährmann, der nur von einem Sprachufer zu einem anderen kommen muss: Sinneinheiten wie Pakete transportieren und abliefern. Will er sie sicher und zugleich so ans andere Ufer bringen, dass sie an ihre Adressaten gelangen, an Leser unserer Zeit, muss er sie öffnen. (S. 29)

„Geistesgegenwart“ heißt hier: In keiner Zeile darf der Übersetzer vergessen, dass jedes „Über-Setzen“ am eigenen Ufer beginnt.

Was immer sein Grund sein mag: Der Fährmann/Übersetzer nähert sich dem Fremden vom eigenen Ufer her: Hier fehlt etwas, was er dort zu erhaschen hofft. Also fährt er aus, setzt über (ans andere Sprach-, Denk-, hier auch Zeitufer). Sammelt ein, was er dort findet, Rätselhaftes, Interessantes, vielleicht auch irgendwie Bekanntes. Nimmt es mit zurück, mustert seine Beute.

Nun werden Sie sagen, der Fährmann wurde doch gerufen, bestellt, bezahlt. Ist Dienstleister: „Hol über!“ Ja, der Fährmann, das ist sein Beruf, setzt über. Er nimmt den fremden Gast, den Text auf.

Doch stets zwischen den Ufern und Welten unterwegs ist der Fährmann auch ein Unruhegeist. Selbst wenn ihm die Bezahlung, der formulierte Auftrag genügen, er wird, während der Überfahrt ein Gespräch beginnen mit dem Gast, wird ihn locken zu sagen, was er denn da mitbringt, „drüben“ will.

Historischer Abstand, kultureller Abstand, Sprachprobleme, Missverständnisse, wechselseitiges Misstrauen, Abwehr dem Fremden gegenüber: Viele Gründe sind vorstellbar, aus denen der Fremde, das Fremde keine Auskunft geben wollen oder können, sich verschließen.

Nun ist der Fährmann weder Grenzer noch Zöllner. Misstrauen ist sein Ding nicht. Sein Ding ist Neugierde. Nur darum ist er scharf auf Contrebande, Schmuggelgut. Er entpuppt sich als Freibeuter, bedrängt von eigenen Fragen begierig nach Wissen.

So könnte er den Fremden, das Fremde einfach kapern. Könnte den Fremden, das Fremde erpressen. Denn ohne ihn käme der/das Fremde ja nicht ans andere Ufer. Er könnte dem Fremden abpressen, was er da so verschlossen mit sich führt.

Aber unser Fährmann trägt auch Verantwortung. Nimmt er seine Sache ernst, liest er nicht nur Absender und Adresse, er sondiert, liest, was zwischen beiden hin und her geht. Und wird rasch feststellen, dass ihm, um das zu erfassen, weder Wörterbuch noch Philologie und Textkritik ausreichen. Wenn er das ihm Anvertraute „sicher“ abliefern will am eigenen Ufer, dann muss er alles mobilisieren, was er an Erfahrungen mitbringt. Erfahrungen, die er gesammelt hat, weil und während er zwischen Ufern, Sprachen, Welten unterwegs ist.

Genau in diesem, nur in diesem Punkt können sich beide treffen, er und der/das Fremde. Beide wollen sie die jeweils andere Seite, das andere Sprachufer, die andere Sprachwelt, Vorstellungswelt erreichen. Beide haben nur diese eine Chance. Wenn es gut geht, werden sie dies während ihrer Verhandlungen erkennen. Nur während der Passage aus der einen Welt in die andere können sich treffen. Nur unterwegs den gemeinsamen Punkt finden. Mit dem Beharren auf einem überzeitlich gültigen „Wahren Schönen Guten“, mit Wortklauberei, Pedanterie wird es beim Übersetzen bleiben, beim Ortswechsel. Eine Passage, Übertragung findet nicht statt.

Ist das Paket, der Text, der Fahrgast nach dieser Passage noch der, der am anderen Ufer eingeladen wurde, eingestiegen ist? – Rhetorische Frage. Natürlich nicht. Es hat sich, im Verlauf dieser Passage, im Prozess des Übersetzens allerhand geändert, nicht nur die Sprache.

Wenn das Fremde in der eigenen Welt tatsächlich ankommt, dann ist, was ankommt, nach Umberto Eco, „Quasi dasselbe, nur in anderen Worten“. Dann hat unser Fährmann das Paket tatsächlich geöffnet. Schließlich musste er es an Grenzern und Zöllnern vorbei ans andere Ufer, ins eigene Land bringen. Musste, ganz Freibeuter und geistesgegenwärtiger Husar, anrudern gegen den Mainstream. Konnte dies, weil er nicht nur Wörterbücher, philologische Debatten und Grenzregulatorien kennt, sondern auch Gegenströme, Untiefen, Schwemmsand. Sog und Abdrift. Unerledigte Hoffnungen. Darum spreche ich von Übertragung:

Das Wort lässt immerhin anklingen, dass sich etwas ändert; dass, was da zwischen den Sprachen und Zeiten unterwegs ist, in einen anderen Horizont gehoben wird. Das gilt umso mehr, als wir es mit einem philosophischen Text tun haben, der wiederum kein Traktat ist, sondern ein hochpoetischer Text, dessen Schönheit und Form, so wollte es der Dichter, Verstehen und Erkennen seiner Zeitgenossen fördern sollten – in therapeutischer Absicht. (S. 29)

Dazu Lukrez:

Liegt Ärzten am Herzen, Kindern bitteren Wermut* zu geben, streichen sie um den Rand des Bechers süßen, gelb fließenden Honig, und die Arglosen, dazu gebracht, den Becher mit ihren Lippen zu berühren, trinken den herben Wermutsaft – getäuscht werden sie, doch nicht getrogen, denn so, durch dieses Mittel, finden sie erneut zu Kraft und Gesundheit.* Das habe auch ich im Sinn. … Möge es mir durch meine Verse gelingen, dich, deinen wachen Geist zu fesseln, bis du die Natur der Dinge im Ganzen erfasst hast… (1.938ff) 

Therapeutische Absicht: Befreiung von Gottesfurcht und Todesangst. In diesem Punkt habe ich mich mit diesem fernen, fremden Text getroffen.

Unser Aberglaube ist der Szientismus. Die Vorstellung, wir könnten unsere Angst beherrschen, indem wir die Natur beherrschen, ihr Gesetze, unsere Zwecke vorschreiben. (Ingenieure sind dafür bekannt, dass sie das „Restrisiko“, in dem das ausgeblendete Ganze der Natur sich meldet, gerne anderen überlassen.)

Übertragung und mitlaufender Kommentar sind Protokoll meiner Irritationen, hin und wieder wohl auch freibeuterischen Lektüre, folgen der Passage, der Auseinandersetzung mit diesem fremden Gast Lukrez. Meine Verhandlungsergebnisse, hin und wieder auch Erpressungsversuche mögen täuschen, getrogen habe ich nicht. Denn ich will nur eines: Uns, meinen Lesern, mit meiner Übertragung dieses fremden Textes einen anderen Zugang zur Natur öffnen.


Klaus Binder
im August 2014

Lukrez, Über die Natur der Dinge. In deutsche Prosa übertragen und kommentiert von Klaus Binder, Galiani, Berlin 2014

© Klaus Binder